Hochzeitswalzer

Warum wollen Paare, die zuvor noch nie miteinander getanzt haben zur Hochzeit plötzlich einen Hochzeitswalzer tanzen?

Ich werden hin und wieder mal gefragt, ob ich befreundeten Paaren, die demnächst (bzw. in wenigen Tagen) heiraten schnell noch ein paar Schritte Walzer beibringen kann, damit sie auf ihrer Feier einen Hochzeitswalzer tanzen können. Zum einen mache ich das zwar sehr gerne, allerdings stelle ich mir die Frage, weshalb Paare unbedingt auf ihrer Hochzeit tanzen wollen, wenn sie sich bisher nicht einmal genug dafür interessiert haben, um gemeinsam einen Grundkurs zu machen? Schließlich gehen Hochzeiten für gewöhnlich schon etwas länger anhaltende Beziehungen voraus, so dass es an Zeit dazu nicht gemangelt haben sollte. Meine Vermutung ist eher, dass man sich von eigenen Vorstellungen oder denen Anderer unter Druck setzen lässt, dass zu einer Hochzeit Tanzen unbedingt dazugehört. Ein bisschen googlen bekräftigt mich darin. Auf diversen Hochzeitsseiten finden sich Sätze wie die folgenden.

Zu einem Hochzeitsfest im noblen Restaurant gehört abends unbedingt der Tanz, wobei das Brautpaar traditionsgemäß alleine den Brautwalzer tanzt.

Der Hochzeitswalzer / Brautwalzer gehört zu jeder Hochzeitsfeier. So manches Brautpaar hat davor die meiste Angst, deshalb sollte das Tanzen rechtzeitig vor der Feier geübt werden.

Die interessanteste Aussage steckt im letzten Satz: Brautpaare haben (unter anderem) wegen des Tanzens Angst vor der Hochzeitfeier. Sollte die Hochzeitsfeier nicht eher eine freudige Sache sein? Ich hab es selber noch nicht ausprobiert, trotzdem: Ich kann mir zwar hochnervös vorstellen, aber Angst kommt mir dann doch etwas fehl am Platz vor. Wenn der Tanz also Angst macht, warum dann nicht einfach diese zusätzliche Stressquelle weg lassen?

Weitere interessante Aspekte liefern zwei in der FAZ parallel erschienene Artikel: Sie sagt: „Du bist zu langsam, Schatz“ und Er sagt: „Schatz, du bist zu schnell“. Die Hochzeit und insbesondere der Hochzeitswalzer sei ein Kleinmädchenträumen, den die Frauen ihren Partnern meist aufzwängen, so Ursula Scheer. Und Maximilian Weingärtner schreibt etwas vorwurfsvoll, alles müsse perfekt sein so die Vorstellung der Frauen, die Männer würden den Kursus nur absolvieren, weil sie ihre Frau lieben. Über das Problem ist man sich also einig, nur der Schuldige wird beim jeweils anderen Geschlecht gesucht.

Der Grund für Tanzkurse so knapp vor der Hochzeit dürfte wohl sein, dass den Männern, je näher die Hochzeit rückt, immer mehr die Ausreden ausgehen. Ein guter Kompromiss wäre vermutlich, wenn der Mann der Frau ihren Kleinmädchenträumen lässt und im Gegenzug die Frau den Mann nicht all zu sehr unter Druck setzt.

Ich für meinen Teil kann nur hoffen, dass es bei mir nicht zur umgedrehten Situation kommt.